Internationale Zusammenarbeit während der Corona-Krise – Gedanken zum Internationalen Tag der Heilpädagogik am 13. April 2020

Bild zum Internationalen Tag der Heilpädagogik

Die Corona-Krise stellt uns alle vor große Herausforderungen: in den Verbänden, am Arbeitsplatz, in der der Ausbildung und Forschung.
Viele KollegInnen stehen vor existentiellen Herausforderungen und reagieren darauf ganz unterschiedlich.
Sie sorgen sich um ihre Klientinnen und Klienten, aber natürlich auch um ihre eigene finanzielle Existenz, ihre Familien und den Freundeskreis.

Wir hören von sehr kreativen Lösungen in der Arbeitswelt und von ausgesprochen schnellen Unterstützungen im finanziellen Bereich durch staatliche Unterstützung.
Den Mitgliedsverbänden der IGhB ist es wichtig, lösungsorientiert über den Krisenmodus hinauszuschauen!

Heilpädagogik ist Pädagogik unter erschwerten Bedingungen und dieser Satz fordert derzeit wirklich zu entsprechendem Handeln heraus.
Die ehemaligen PräsidentInnen der amtierende Präsident der IGhB geben zu vier Thesen eine Einschätzung und verbinden damit die Hoffnung, dass wir alle diese Herausforderung meistern und weiter die internationale Zusammenarbeit auf- und ausbauen!

Dr. Pavol Janosko

Dr. Pavol Janosko, amtierender Präsident der IGhB, Slowakei, tätig als Dozent am Lehrstuhl Heilpädagogik der Comenius Universität in Bratislava

These 1: Die derzeitige Krise fordert uns als HeilpädagogInnen besonders, weil der persönliche Kontakt eine Basis der heilpädagogischen Begleitung und Interaktion mit den Klienten darstellt. Der ist zurzeit in vielen Fällen und an vielen Arbeitsstellen verändert oder ganz verhindert. Für eine (ungewisse) Zeit haben wir die Möglichkeit dieser Qualität verloren, die für unsere KlientInnen einen sehr wichtigen Teil der Therapie und eine Ressource in oft schweren Lebenssituationen ist. Die meisten HeilpädagogInnen sind gefordert, andere Arten der Interaktion zu suchen, um die KlientInnen und ihre Familienmitglieder zu unterstutzen. Viele bieten eine Beratung oder Therapie online an, was ziemlich herausfordernd, aber zugleich sehr sinnvoll ist. Es ist sehr ermutigend und rührend, die Bereitwilligkeit und den Zusammenhalt mit unserer KlientInnen wahrzunehmen und ihre Art und Weise zu sehen, diese komplizierte Situation zu meistern.

These 2: Eine Chance sehe ich darin, dass diese Krise eine Gelegenheit ist, sensibler und rücksichtsvoller zu werden den Bedürfnissen der anderen als auch zu unseren eigenen gegenüber. Die Einschränkung sozialer Kontakte öffnet die Frage nach dem sinnvollen Kontakt und wertvollen Beziehungen in eigenem Umfeld. Eine Chance sehe ich darin, dass wir lernen können, diese Beziehungen nicht nur zu erhalten, sondern auch zu pflegen und zu vertiefen. Das Ergebnis davon wird die Freude und Erfüllung sein, im Hier und Jetzt zu leben.

These 3: Europäische Solidarität heißt für mich in dieser Zeit, dass wir uns mehr öffnen für Kommunikation und Zusammenarbeit, mehr gegenseitig zuhören, respektieren und unterstützen. Diese Situation betrifft uns alle und sie erfolgreich zu überwinden fordert, eigene Verantwortung anzunehmen für die Schritte, die jedes europäisches Land unternimmt. Die europäische Zusammenarbeit und Unterstützung kann uns helfen, uns auf die weiteren gemeinsamen Herausforderungen vorzubereiten, die auf uns in der Zukunft zukommen.

These 4: Mein großer Wunsch für die Heilpädagogik, dass wir uns auch anhand dieser Krise bewusster werden von dem des Wertes und Sinns unserer Profession, unserer Berufung, bewusster werden. Die Bedeutung der tagtäglichen „kleinen Schritte“ erscheint gerade in der Zeit einer Krise in ihrem wahren Wert. Wir haben die Gelegenheit, unsere Ressourcen besser zu erkennen. Eine davon ist die Fähigkeit „den Detektivhut aufzusetzen“ und die Wege der Unterstützung zu suchen und zu finden für uns selber, unsere Verwandten und unsere KlientInnen, so wie es die Vorsitzenden unseres PRO LP Vereins ausdrückt: „Lasst uns die Kraft schöpfen aus unseren Beziehungen, aus unseren Stärken, daraus, was uns Sinn gibt.“ Das wünsche ich auch unserer IGhB und allen Mitgliedern: trotz aller Schwierigkeiten unsere Möglichkeiten und Ressourcen wahrzunehmen und zu schätzen!

Xavier Moonen
Xavier Moonen

Prof. Dr. X.M.H. Moonen, Beleidsadviseur Koraal Sittard, Bijzonder Hoogleraar Universiteit van Amsterdam, Bijzonder Lector Zuyd Hogeschool, Heerlen, Niederlande, Gründungsmitglied der IGhB und langjähriger Vorsitzender der IGhB

These 1: Die derzeitige Krise fordert uns als HeilpädagogInnen besonders, weil der direkte und persönliche/körperliche Kontakt untersagt ist und kreative Methoden der Kontaktaufnahme gefragt sind.

These 2: Eine Chance sehe ich darin, dass in diesen Zeiten wissenschaftlich belegte heilpädagogische Methoden sehr brauchbar sind.

These 3: Europäische Solidarität heißt für mich in dieser Zeit, dass wir uns länderübergreifend austauschen über wirksame Methoden der Heilpädagogik, die auch auf Dauer gefragt bleiben, weil diese Krise lange andauern wird.

These 4: Mein großer Wunsch für die Heilpädagogik ist, dass sie den Respekt als wissenschaftlich belegte Methode bekommt und dadurch wirksam in vielen Bereichen der Gesundheit, Führsorge und Betreuung eingesetzt werden kann.

Jean Paul Muller
Jean Paul Muller

Jean Paul Muller, Generalökonom der Salesianer Don Bosco Rom, Italien, Gründungsmitglied der IGhB und langjähriger Vorsitzender des BHP e.V., Deutschland

These 1: Die derzeitige Krise fordert uns als HeilpädagogInnen besonders heraus, weil wir zum einen nicht richtig vorbereitet waren auf eine solche Pandemie. Kaum einer von uns kennt noch aus der eigenen Erfahrung Krankheiten, welche tausende Menschen infizierten, wie die Pest, Cholera, usw. Wir wissen um die Gefahren von Masern, Malaria, Typhus, Röteln, aber wir waren bisher so sicher, dass wir als Menschen diese Krankheiten im Griff haben.
Zum anderen sind wir als HeilpädagogInnen nun gefordert, Antworten auf Fragen und Situationen zu geben, die wir selber persönlich nur schwer meistern können. Wir hatten uns daran gewöhnt, in einer Welt zu leben, welche unaufhörlich kommuniziert, in welcher jede/jeder und alles fast jederzeit erreichbar war. Und nun müssen wir lernen, mit Distanz umzugehen, müssen kreative Lösungen finden, um unsere Nähe auszudrücken und brauchen eine neue Form das „Daseins“.
HeilpädagogInnen, deren Kernbasis des Handelns der Dialog und die Beziehungsebene ist, haben nun zu lernen, wie sie dieser Situation des Corona-Virus einen Sinn geben können. Nicht nur Infizierte, sondern auch der große Teil der Bevölkerung ist verunsichert und diese Verunsicherung ist eine Frage mit einem weiten Hintergrund: was muss ich tun, um sicher durch die Zeiten des Virus zu kommen, was bedeutete es, mit mir alleine zu sein, nicht zu jenen zu gehen, die mir helfen, meine Zeit tot zu schlagen, was bedeutet es für mich, in Schlangen vor Supermarkt und Apotheke zu warten, Anordnungen von Sicherheitskräften zu befolgen, … wer bin ich eigentlich noch??? Durch die Vorsichtsmaßnahmen der Regierung wurden wir zu VirusträgerInnen degradiert, der Mensch, der wir sein wollen, wird bestimmt von einem fürs Auge unsichtbaren Ding. Viele Menschen, mit denen wir arbeiten, verstehen nicht oder nicht ganz, warum denn nun eine Maske zu tragen Pflicht ist, warum es keine Umarmung mehr gibt, warum wir selbst beim Essen an einem gemeinsamen Tisch Abstand halten müssen. HeilpädagogInnen müssen jetzt dem einzelnen Menschen helfen, sich seiner selbst sicher zu sein (sicher zu werden), müssen ihn unterstützen, neue Wege zu erlernen, um Gefühlsreaktionen und Zuneigungen von anderen zu verstehen, müssen Trost und Annahme vermitteln, die in dieser Krise verstanden werden.

These 2: Eine Chance sehe ich in den vielen Solidaritätsbekundungen der Menschen in ihren Straßen, Nachbarschaften, Vereinen, usw. Diese Krise macht uns bewusst, wie wichtig mir Menschen sind und wie abhängig ich bin von anderen, aber auch von Dingen. Das gewachsene Interesse an allem, was mit Religion zu tun hat, zeigt die tief in uns ruhende und oft verkümmerte Ahnung von etwas Größerem, dem wir eigentlich vertrauen und zu welchem wir in unserer Not Beziehung aufnehmen. Somit tut sich eine neue Chance auf, die Rahmenbedingungen meines Lebens und das derjenigen, mit denen ich arbeite, neu zu justieren, neu auszurichten. Die Skala von dem, was wichtig ist und dem, was nicht so wichtig ist, ist für uns alle verändert worden. Das wird auch einen enormen positiven Einfluss auf das Leben in unseren Wohngruppen, Altenheimen, Kitas usw. haben. Und ich bin sehr davon überzeugt, dass HeilpädagogInnen ihren Auftrag behalten, mit Kraft, Verantwortung und Hoffnung dem bedürftigen Menschen Assistent in allen Lebenslagen zu sein – nur unter veränderten Bedingungen. Dabei ist es wichtig, dass sie die Anliegen der ihnen Anvertrauten auch als Ganzes voranbringen. Politisches Handeln ist jetzt sehr wichtig, damit die Menschen Lebensbedingungen erhalten, in denen sie, trotz der Gefahren von Ansteckung und den kollateralen Schäden durch das Virus im sozialen Leben, sich entfalten können. Das „Danach“ der Pandemie hat bereits jetzt begonnen, für uns HeilpädagogInnen wird es eine Zeit, in welcher wir unsere Werte und unser Berufsethos neu reflektieren müssen. Wir werden erleben, dass Gesetze, die zum Schutz der Persönlichkeit existieren, abgeschwächt werden, dass Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderungen anders definiert werden, dass wiederum Kostenrechnungen aufgemacht werden versus Lebensrecht – da wird die IGhB und jeder einzelne Berufsverband gefragt sein, sich einzumischen.

These 3: Europäische Solidarität heißt für mich, dass wir schnellstmöglich wieder auf der politischen Ebene die neu errichteten Hindernisse der Mobilität abbauen müssen. Die Staaten haben sich teils isoliert, um eigenes Gebiet und eigene Staatsangehörige zu schützen. Das Gleiche gilt für uns und unsere Berufsverbände. Zusammenarbeit zwischen uns muss geprägt sein von einem tieferen Vertrauen darauf, dass auch andere Kulturen und Sprachen einen Reichtum enthalten, von dem ich selber lernen kann und an dem ich wachsen kann. Wenn nun in Kürze in einigen Ländern neue Modelle zur Betreuung von Menschen mit Behinderung diskutiert werden, ist es wichtig, dass wir alle davon erfahren und gemeinsam über Stärken und Schwächen solcher Modelle diskutieren. Wenn Distanz-Lernen und zunehmende Videokonferenzen üblich werden, brauchen wir trotzdem Begegnungen auf einer menschlichen Ebene, die gut vorbereitet und mit Inhalten gefüllt sein müssen. Es werden wohl weniger Kongresse und große Veranstaltungen stattfinden können, das bedeutet für uns in der IGhB, neue Ideen zu entwickeln, wie wir auf regionaler Ebene zusammenarbeiten, wie wir unsere Kommunikationsstrukturen (Zeitschriften, Homepages, Präsenz in den sozialen Medien…) koordinieren können und uns gegenseitig befruchten hinsichtlich Technik, Kommunikations-Know-How und vor allem der Präsenz heilpädagogischer Inhalte in den Medien.
In manchen Fensterscheiben hängen derzeit Regenbögen, meist von Kindern gemalt, und dazu ist dann geschrieben „Es wird alles gut“. Das sehe ich nicht so: die Toten kommen nicht zurück; die Schwerkranken, wenn sie sich dann erholen, erlebten Traumata; diejenigen, die ihre Arbeit verloren haben, finden so schnell keine wieder; es stimmt: alles wird wieder irgendwie werden, aber wie, das wissen wir nicht! Deshalb müssen wir uns vorbereiten auf das, was kommen kann, zum Beispiel auf weniger Einnahmen durch Mitgliederbeiträge, auf erhöhte Kosten für die Mitgliederbetreuung, auf anwachsende Spesen für die digitale Präsenz, auf den Umgang mit der künstlichen Intelligenz, auf neue Formen von Behinderungen und Ängsten, die unsere Gesellschaften herausfordern und vieles mehr.
Zu all dem, was wir mit dem Coronavirus erleben, kommt noch eine zusätzliche – wenn auch nicht gerade tröstliche – Erkenntnis: Für den SARS und COVID und alle diese Viren ist es bisher effektiver gewesen, anstatt – bildlich gesprochen – sibirische Eisbären zu infizieren, sich in Menschen einzunisten, schon allein, weil bald weniger Eisbären aufgrund des klimatischen Wandels vorhanden sein werden. Und die ökologische Krise, die wir benannt bekamen, vor welcher wir gewarnt wurden, ist viel gefährlicher und wird schlimmere Folgen für uns alle haben, als dieses Virus. Je mehr wir an der biologischen Vielfalt zerstören, umso mehr Schaden richten wir Menschen gegen den Menschen an! Die ökologische Krise, in welcher wir uns befinden, wird eine Pandemie nach der anderen produzieren. Sich jetzt mit Gesichtsmasken und mit Enzymen auszustatten, ist nur im Ansatz hilfreich. Das Übel liegt viel tiefer und wir müssen dieses an seiner Wurzel zu fassen bekommen, beispielsweise, indem wir uns nach der Corona-Krise nicht an einer globalen Finanzmarkt-Sanierung orientieren, sondern an einer Welt, die sich erholen muss, an einer Wirtschaft, die nachhaltig denkt und an einer Werteskala, die sowohl den einzelnen Menschen als auch die gesamte Menschheit respektiert.

These 4: Heilpädagogen werden in nächster Zukunft mehr als handelnde Heilende denn als dozierende Pädagogen gefragt sein und unsere Berufsgruppe wird dort an Bedeutung gewinnen, wo wir bisher nur randständig vertreten waren.

Großartig: jene KollegInnen, die in der Lage sind, sich auf die neuen Umstände einzulassen und umzustellen und die heilpädagogische Tradition in eine „andere“ Zukunft transferieren!

Dagmar Gumbert

Dagmar Gumbert, Präsidentin der IGhB von 2014 – 2016, Deutschland, BHP-Vorsitzende, tätig als Leiterin einer privaten Fach- und Berufsfachschule für soziale und therapeutische Berufe, u.a. für Heilpädagogik in Halle (Saale)

These 1: Die derzeitige Krise fordert uns als HeilpädagogInnen besonders, weil wir selber und die Menschen, für die wir Verantwortung tragen, tagtäglich vor völlig neuen und bisher unbekannten Herausforderungen stehen und diese in der Regel sofort lösen müssen.

These 2: Eine Chance sehe ich darin, dass alle Menschen durch diese neue Situation gefordert sind, sich mit den wirklich wesentlichen Fragen zu beschäftigen, z.B.:

  • Was brauchen wir tatsächlich, um leben zu können?
  • Wie kann ich Beziehungen gestalten, wenn ich die Menschen derzeit nicht persönlich treffen kann?
  • Welche Dinge können wir tun, wenn ganz plötzlich die gewohnten Routinen wegbrechen, wie können wir trotz allem eine Erfüllung und Zufriedenheit im Leben erfahren?

These 3: Europäische Solidarität heißt für mich in dieser Zeit, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um sich gegenseitig zu unterstützen, ob in medizinischer, sozialer oder (berufs-)politischer Hinsicht.

These 4: Mein großer Wunsch für die Heilpädagogik ist, dass die wichtigen positiven Erfahrungen der Solidarität und selbstlosen gegenseitigen Unterstützung sowie des Gemeinschaftsgefühls trotz Kontaktbeschränkungen die Gesellschaft insgesamt etwas besser machen. Ich hoffe auch sehr, dass viele Menschen, die heilpädagogische Hilfen dringend benötigen und in dieser Zeit nicht oder nur eingeschränkt erhalten können, diese Krise gut überstehen und danach mit der Begleitung guter heilpädagogischer Fachkräfte wieder in ihren Alltag zurückfinden und ggf. die problematischen Erfahrungen aufarbeiten können.

Annette Paltzer
Annette Paltzer

Annette Paltzer, Gründungsmitglied und Präsidentin der IGhB, Schweiz, Buch- und Filmautorin, Zürich

These 1: Die derzeitige Krise fordert uns als HeilpädagogInnen alles an Phantasie und Durchhaltevermögen ab, um die Herausforderungen des Social Distancing für unsere Klienten mit herausforderndem Verhalten oder Kommunikationsbehinderungen zu überbrücken.

These 2: Ich betrachte es als Chance, den virtuellen Raum für unsere Profession und unsere KlientInnen besser nutzen zu können.

These 3: Die internationale Solidarität soll trotz Reisebeschränkungen auf alternativen Kanälen spürbar gemacht werden. Hier kann die IGhB einen wichtigen Beitrag leisten.

These 4: Mein größter Wunsch ist, dass die Heilpädagogik nach dieser Krise keinen Bedeutungsverlust und damit Personalabbau erfährt.